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# 1

SCHRIFTBILD # 1. 2009. Tinte auf Papier. 120 x 120 cm

Nachdem ich mich 11 Jahre lang der Fotografie hingegeben und nun ein Fotodiplom in der Tasche hatte, wollte ich ganz plötzlich nichts mehr damit zu tun haben. Die letzten 3 Jahre, in denen ich mich nur noch mit Flucht und Vertreibung, mit Krieg und Heimatlosigkeit befasst hatte waren mir zu nahe gegangen. Ich hatte die Themen so tiefgehend bearbeitet, dass ich mich davon erholen musste. So saß ich nun in meinem neuen Atelier in Berlin und beschloß, von nun an nur noch das zu tun was wirklich mir und meinem Wesen entspricht und alles nachzuholen was ich in den Jahren des Studiums vermisst hatte.

Monatelang las ich Bücher und Gedichte, zeichnete und philosophierte, drehte mich in Gedanken um Gott, die Welt und um mich selbst, ging stundenlang spazieren, versuchte zu schreiben und fand keine Worte, spürte in Schöneweide den Energien nach, die ganz offensichtlich die von Tausenden von Arbeitern unter Zwang, Krieg und Überwachung waren, verkroch mich in verlassen Gebäuden und Gärten

… spielte und seufzte …

und eines Tages stand ich auf, besorgte mir eine grosse Rolle Papier und Tinte und begann meditativ zu schreiben: “ Ich muss wieder schreiben, weil ich immer schreiben musste um mich nicht im Kreis zu drehen.

Als ich die Feder absetzte und das Ergebnis sah wusste ich, dass ich genau das gesucht hatte, dass es genau das war was ich in Zukunft machen wollte, dass das meine Sprache, mein Ausdruck und meine Heilung war. Dass das Ich bin. Also isolierte ich mich öfter, schrieb mehr Bilder und hörte nie mehr damit auf.

TAUSENDJÄHRIGER TEMPEL

XIX

VI

2008

Ich sitze in der Wolfsschanze, Hitlers ehemaliges Hauptquartier.

Das Wetter ist grau, wie es sich für einen solchen Besuch gehört. Da ich den ganzen Tag nichts gegessen habe, setze ich mich in das Restaurant, das nur eines der vielen Dinge ist, die zur kommerziellen Vermarktung dieses schauerlichen Ortes beitragen. Am Tisch neben mir sitzt eine Gruppe deutscher (Heimweh)touristen, die sich über die Preise beklagen und sich über Eichhörnchen und deren „bösartiges“ Verhalten unterhalten.

Fotografieren ist hier nicht erlaubt, das Betreten der Bunker sowieso nicht. Ich werde das für meine Diplomarbeit trotzdem auf mich nehmen.

Hitlers Bunker, das ist ein gehässiges Gebirge mitten im Wald. Ein Amphitheater des Schreckens im Inneren. Überall kommen einem rostige Eisenstangen wie Schlangen entgegen, als würden sie ums Überleben kämpfen, und darum, das unerschütterliche Gemäuer zusammenzuhalten.

Schwindel überkommt mich und ein Gefühl, das aus so vielen besteht , dass es sich nur schwer beschreiben lässt…Hass, Wut, Ungläubigkeit, ein Stück Ehrfurcht, aber v.a. Unverständnis, tiefe Trauer und Ekel. Ich bin umgeben von Stechmücken. Hier gibt es eine regelrechte Mückenplage.

Hin und wieder raschelt es im Gebüsch.

Die Natur holt sich alles zurück, überwuchert diese Zeugen diesen Rausch aus Wahnsinn und Boshaftigkeit. Hier wohnt das Elend. Übermächtig sind die Brennesseln. Ein natürlich gewachsener Zaun. Auch ohne Schilder bekommt man hier den Rat nicht zu tief einzudringen. Es lauert Gefahr für die Seele.

Als ich danach einen anderen Bunker durchquere, bebt es über mir. Es rattert und knattert und einen Moment lang habe ich Angst das Ganze könnte über mir einstürzen. Aber diese Werke sind unkaputtbar. Hier will ich nicht enden. Nicht einmal Hitler wollte das. Er hat sich früh genug aus dem Staub gemacht und den ganzen Wald in die Luft gejagt, um überall Teile „seines Tausendjährigen Reiches“ zu hinterlassen.

Das Geräusch über mir war nur ein Waldarbeiter, der die Bunker freimacht, damit diese Monster auch in Zukunft als Denkmäler und Touristenattraktion dienen können. Ich bin zwiespältig, was das angeht. Aber zumindest als ich den Ausgang erreiche bin ich dankbar und erleichtert.